Der Bauhof bei Unwetter: Wenn die Welt untergeht

Oft durchkreuzen unvorhersehbare Wetterereignisse die Planung des Arbeitsalltags im kommunalen Bauhof. Unwetter, ihre Folgen und wie Bauhofleiter und Personal damit umgehen.

Starkregen und Hochwasser: Das Wetter scheint immer unberechenbarer zu werden. Wie gehen kommunale Bauhöfe damit um? Erschienen in der bauhofLeiter

Häufig beschäftigt Wasser in flüssiger und fester Form die Bauhöfe. Ein besonderer Einsatzmonat war der Juni 2013, der vielen Regionen verheerende Hochwasser und Stürme brachte.

Was für die meisten Regionen ein glücklicherweise seltenes Ereignis ist, ist für die Drei-Flüsse-Stadt Passau Alltag und kehrt jährlich wieder: Hochwasser. Zu den Hauptaufgaben des Städtischen Bauhofs gehört es, die Bevölkerung durch das Befüllen und Bereitstellen von Sandsäcken zu unterstützen sowie nach Hochwasser und anderen größeren Schadensereignissen wie Unwetter Schäden auf öffentlichen Verkehrsflächen zu beseitigen und die Verkehrssicherheit wieder herzustellen.

Besonders schlimm erwischte es die niederbayerische Grenzstadt im Juni vergangenen Jahres. Dienststellenleiter Hermann Klinger erinnert sich: „Vom 2. bis 11. Juni war der Katastrophenfall ausgerufen. Bis 4. Juli dauerte es, bis die meisten Schäden beseitigt waren.“ Alle anderen Pflichtaufgaben wurden in dieser Zeit zurückgestellt. Die Arbeiten zogen sich bis in den April 2014 hinein. „Das Hochwasser ist weg, aber es ist noch immer einiges zu machen“, sagt Bauhofleiter Klinger. 13.065 Stunden wendeten die 94 Bauhofmitarbeiter bisher für das Hochwasser 2013 auf, hat er zusammengerechnet.

3000 gefüllte Sandsäcke lagern im Bauhof Passau. Sie werden ausgefahren, sobald die mobilen Absperrungen und Hinweisschilder an den flussnahen Parkplätzen aufgestellt sind. „Wir informieren die Autofahrer, dass sie ihre Fahrzeuge wegbringen müssen“, sagt Klinger. Bei einem Pegelstand von 7,20 Metern tritt die Donau über die Fritz-Schäffer-Promenade. Das weiß die Bauhof-Belegschaft, und die Bevölkerung ist darauf vorbereitet. „Dorthin haben wir als erstes Paletten mit Sandsäcken gefahren“, berichtet Hermann Klinger. Die Anwohner wüssten Bescheid und können sich nach Bedarf bedienen.

Steigt das Wasser weiter, bildet das Ordnungsamt einen Krisenstab. Dieser alarmiert Feuerwehren und Technisches Hilfswerk (THW). Die Feuerwehrleute befüllen weitere Sandsäcke, der Bauhof stellt die Logistik wie beispielsweise die Sandsackfüllmaschine im Lager Mollenhof. Das THW liefert die Sandsäcke aus, die Feuerwehr verteilt sie abschnittsweise in der Altstadt.

Mitarbeiter des Bauhofs errichten Hochwasserstege aus Metall. Rund 300 laufende Meter, etliche Lkw-Ladungen, lägen bereit, sagt Hermann Klinger. Die Stege ähneln Gerüsten, gingen aber statt in die Höhe in die Länge. Stellenweise, etwa in der Höllgasse, überflutete das Wasser im Juni 2013 schließlich sogar die Not-Stege. Wasserwacht, THW und Feuerwehren konnten die Gasse mit Booten nicht mehr befahren.

Allgemein fasst Hermann Klinger die Aufgaben des Passauer Bauhofes so zusammen: „Wir unterstützen die Rettungsdienste mit Fahrzeugen wie Kranwägen, Radladern, Staplern, Teleskopladern und Baggern.“ Viele seiner Mitarbeiter seien gebunden, da sie die Fahrzeuge und Geräte bedienen. Andere kontrollieren täglich die Absperrungen, bessern nach oder versetzen sie. Zusätzlich müssen die Einlaufgitter an 54 Bächen kontrolliert und von Ästen und anderem Unrat frei gehalten werden.

Die Hochwasserspitze war zwischen 3. und 6. Juni mit 12,89 Metern erreicht. Damit ereilte Passau ein „500-jähriges Hochwasser“, sagt Bauhofleiter Klinger. Die bisherigen Einsatzpläne deckten Wasserstände bis 10,50 Meter ab. Doch nach diesem historischen Ereignis müssen sie neu geschrieben werden. Jetzt würden die jüngsten Erfahrungen eingearbeitet, so Klinger, die Pläne angepasst und weitere Maßnahmen entwickelt.

Als erste Konsequenz aus dem Hochwasser 2013 bestellte die Stadt Passau ein neuartiges Hochwasser-Schutzsystem. Im Umfang variable Kunststoffzylinder werden wallartig aufgestellt und können – je nach erforderlicher Höhe – mit bis zu 1,2 Kubikmetern Wasser, Sand oder Kies befüllt werden. Der Boden besteht aus einer starken Folie, so dass das System auch auf unebenen Untergründen eingesetzt werden kann. Durch Aufeinandersetzen von bis zu drei Zylinderreihen kann eine Wallhöhe von 4,50 Metern erreicht werden. Hermann Klinger hat das Aquariwa-System bereits mehrfach im Einsatz gesehen. Er sagt: „Wir können damit Straßen absperren und gewinnen Zeit zum Ausräumen von Häusern.“

Land unter in Neusäß

Etwa im gleichen Zeitraum prasselten am 20. Juni 2013 in Neusäß bei Augsburg während sintflutartiger Regenfälle, die 26 Minuten anhielten, über 60 Liter Wasser pro Quadratmeter auf die Stadt ein. Das Unwetter überflutete Straßen und Keller und entwurzelte zahlreiche Bäume, die auf Straßen, parkende Autos und Stromleitungen stürzten.

Gemeinsam mit 549 Feuerwehrleuten aus Neusäß und Umgebung sowie Mitarbeitern des Technischen Hilfswerks packte die Mannschaft von Bauhofleiter Johann Zill an, um die Schäden zu beseitigen. Ihre Aufgabe: Räumen von Straßen, Wiederherstellen der Infrastruktur und der Verkehrssicherheit sowie Beseitigen von Gefahrenquellen. Rund 3000 Einsatzstunden fielen dafür an. Die Folgeschäden beschäftigten den Bauhof von Neusäß den gesamten Winter. Ein Trupp mit bis zu vier Mann sei täglich mit einer Hebebühne ausgerückt, um Bäume in Anlage, auf Spielplätzen und an Straßen auszuschneiden, sagt Zill.

Alarmiert wurde Bauhofleiter Johann Zill in der Unwetternacht von der Feuerwehr, die weitere Unterstützung benötigte. Er informierte sein 20-köpfiges Team und beraumte eine Lagebesprechung im städtischen Bauhof an. Dass dies in kurzer Zeit und unkompliziert gelang, sei der guten Vernetzung untereinander zu verdanken, sagt Zill. Ein eigens gegründeter Krisenstab koordinierte die Einsätze. Johann Zill übernahm die Koordination der Bauhofmitarbeiter und Subunternehmer und stimmte sich regelmäßig mit der Feuerwehr ab. Die Einsatzkräfte teilten sich die anfallenden Aufgaben je nach Qualifikation und Material.

Sobald sich das Bauhofteam einen Überblick über die Lage verschafft hatte, packten seine Männer an: Bäume frei schneiden, Absperrungen errichten, Notwege schaffen. Im Einsatz war der gesamte Fuhrpark mit Lkws, teilweise mit Ladekran, Traktoren und Teleskoplader. Maßnahmen, die der Bauhof selbst nicht erledigen konnte, vergab Zill an Fremdfirmen mit Spezialgerät und speziell ausgebildetem Personal. Sie rückten mit Prozessor, Holzrückewagen, großen Lastern mit Bagger und Radladern an. Ein Subunternehmer räumte mit dem Harvester eine Ortsverbindungsstraße, auf die zahlreiche Bäume gestürzt waren. „So konnten wir die händische Gefahr für uns minimieren“, erläutert Zill.

„Es gehört zum alltäglichen und normalen Aufgabenfeld des Bauhofs, dass er automatisch bei bestimmten Ereignissen aktiv wird“, sagt Kerstin Weidner, Pressesprecherin der Stadt Neusäss. Generell sei der Bauhof der Stadt Neusäß dank seiner Ausstattung auch auf unvorhergesehene Ereignisse ausgerichtet. „Zur Standardausrüstung gehören Teleskoplader, Lkw, Ladekran und so weiter“, führt Kerstin Weidner aus.

Mit dem Schneepflug gegen Hagel

Auf der Autobahn A 96 zwischen Memmingen und Mindelheim setzte die Autobahnmeisterei im Spätsommer 2011, genauer am 4. September, zu einer ungewöhnlich frühen Jahreszeit Schneepflüge ein. In einer bis zu 30 Zentimeter dicken Schicht bedeckten Hagelkörner nach einem Unwetter die Fahrbahn bei Holzgünz. Zahlreiche Fahrzeuge waren festgesteckt und konnten erst dank dieses verfrühten „Winterdienstes“ ihre Fahrt fortsetzen.

Ähnliches erlebte das Dorf Bodenkirchen, Landkreis Landshut, an einem Samstagabend im April 2013. Hier ergoss sich etwa eine Stunde lang Starkregen mit Hagel vom Himmel. Damit die Feuerwehr zu einem Einsatzort ausrücken konnte, aktivierte der Bauhof seinen Schneepflug. Er räumte die Hagelkörner beiseite, die 25 Zentimeter hoch eine Straße bedeckten. Die anschließende Straßenreinigung übernahm die Feuerwehr.

Ein ähnliches Unwetter ereilte 2012 Kommern im Kreis Euskirchen. Wie die Kölnische Rundschau berichtete, brachte eine Gewitterfront Hagelkörner mit sich, die innerhalb von knapp zehn Minuten die Straße 30 Zentimeter hoch bedeckten. Mitarbeiter des Bauhofs schoben mit zwei Radladern das Eis zusammen und verluden es zum Abtransport auf Lastwagen.

Anfang August 2013 suchte ein Hagelsturm die Gemeinde Sonnenbühl auf der Schwäbischen Alb heim. Bis zu acht Zentimeter Durchmesser maßen die Eisbrocken, die erhebliche Schäden vor allem an Dächern verursachten. Um zu helfen, richtete die Gemeinde auf dem Bauhof im Ortsteil Undingen eine Dachziegelbörse ein. Ein Bauhof-Mitarbeiter stand bereit, um unbeschädigte Dachziegel anzunehmen und diese an geschädigte Hausbesitzer abzugeben. Die Gemeinde verstand dieses Angebot als „kostenfreien Vermittlungsservice im Sinne von nachbarschaftlicher Hilfe“, berichtete der Reutlinger General-Anzeiger. Der angelieferte Dachziegelschrott wurde in einem eigens aufgestellten Container gesammelt.

Wer zieht die Fäden im Hintergrund?

Bauhöfe, Freiwillige Feuerwehren und Hilfsorganisationen arbeiten bei Unwettern Hand in Hand. Zwischen hauptamtlichen und ehrenamtlichen Helfern wird kein Unterschied gemacht. Bei Unwettern seien die örtlichen Feuerwehren immer die ersten am Einsatzort, erläutert Johann Rid vom Kreisbauhof Landsberg am Lech den Ablauf. Sie werden von der Rettungsleitstelle verständigt. Rid weiter: „Wir werden alarmiert, wenn wir die Verkehrssicherheit auf einer Kreisstraße wieder herstellen müssen.“

Die Koordination der Einsatzkräfte liegt häufig bei eigens gebildeten Krisenstäben wie im Ordnungsamt Passau oder im Landratsamt Landsberg am Lech. Die „Führungsgruppe Katastrophenschutz“ des Landkreises Landsberg, bestehend aus Sachgebietsleitern der Behörde und Fachleuten für Kommunikation, führt Pressesprecher Wolfgang Müller aus, trete nur bei größeren Schadensfällen zusammen. „Dann, wenn der örtliche Einsatzleiter einen gewissen Koordinierungsbedarf sieht“, erklärt Müller. Als Beispiel erinnert er an ein Wochenende im März 2006. Damals schneite es so stark, dass zahlreiche Dächer öffentlicher Gebäude – darunter viele Schulen – frei geräumt werden mussten. Das große Schneechaos ­– und damit ein längerer Einsatz der Koordinierungsgruppe – blieb aus. Doch konnte diese zumindest über Information auf Bayerntext die Bevölkerung darüber informieren, dass am folgenden Tag viele Schulen im Landkreis geschlossen blieben.

Zeit gespart und Sicherheit erhöht

Jeder Bauhof, gemeindlich, kreiseigen oder staatlich, ist für die Straßen in seinem Gebiet zuständig. Einen neuen Weg für Notfälle beschreitet der Landkreis Dillingen, der mit dem Staatlichen Bauamt Krumbach künftig auch bei Einsätzen außerhalb der Dienstzeit kooperiert. Dies hält eine von Landrat Leo Schrell und Verantwortlichen des Staatlichen Bauamts unterzeichnete Vereinbarung fest. Sie hebt die bisherigen Zuständigkeiten – Bundes- und Staatsstraßen: Staatliche Straßenmeisterei, Kreisstraßen: Kreisbauhof – im Ernstfall auf.

Bei einem Schadensereignis wie einem Unfall oder nach einem Sturm alarmiert künftig die Einsatzleitstelle der Polizei beide Behörden, unabhängig davon, ob eine Kreisstraße, eine Bundesstraße oder eine Staatsstraße betroffen ist. „Mit der Kooperation erhöhen wir die Verkehrssicherheit für alle Verkehrsteilnehmer, die auf dem klassifizierten Straßennetz des Landkreises unterwegs sind“, sagt der Dillinger Landrat Leo Schrell. Die Bauhöfe helfen sich im Bedarfsfall mit Fahrzeugen und Geräten aus, sind schneller am Einsatzort und können Schäden rascher beseitigen. Die Partner dieser laut Pressemitteilung bayernweit einzigartigen Kooperation versprechen sich von diesem nicht unerheblichen Zeitgewinn mehr Sicherheit für Verkehrsteilnehmer. Unfallstellen könnten schneller als bisher geräumt und freigegeben, umgestürzte Bäume zeitnaher beseitigt, Strecken kurzfristiger gesperrt und der Verkehr auf ihnen unverzüglich umgeleitet werden. Roman Bauer, Tiefbauamtsleiter am Landratsamt Dillingen, erläutert: „Es ist eine Vereinbarung für den Notfall. Wenn ein Bauhof nicht erreichbar oder bereits im Einsatz ist, muss der andere Baulastträger raus.“
Ulrike Reschke (res)

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Erschienen in: der bauhofLeiter,  Forum Verlag Herkert GmbH (06/2014)