Ein Selbstversuch im Lancia Delta Integrale Evo

Gaspedal und Handbremse sind des Ralleyfahrers Freunde. Das ist die erste Lektion, die mir Stefan „Pimi“ Pimiskern beim Winter-Drifttraining erteilt. Wenn der erfahrene Motorsportler aus Moorenweis auf der Rennstrecke unterwegs ist, setzt er sich zum Ziel, die perfekte Runde mit ordentlich Speed zu fahren.

Perfekt bedeutet, das Auto – ein frisch restaurierter Lancia Delta Integrale Evoluzione – muss auf Eis und Schnee flüssig tanzen. Die Devise eines Laien hinter dem Steuer des Rallyeautos lautet schlicht und einfach „Durchkommen“.

An diesem kalten Samstag im Januar 2020 ist der Lancia, Baujahr 1991, nach seiner Restaurierung zum ersten Mal wieder auf einer Strecke unterwegs – dem Lungauring in Österreich. Das Rallyeauto baute Stefan Pimiskern, Spezialist für italienische Autos, in der eigenen Werkstatt neu auf. Mit im Feld sind fast ausschließlich zweiradgetriebene Fahrzeuge wie BMW oder Audi, nur einige wenige Allradfahrzeuge wie sein Lancia im original Martini-Design.

Der Selbstversuch

Nach einigen Runden als Beifahrer darf ich selbst ans Steuer des sportlichen Integrale. Bei 350 PS/500 Nm und im spartanischen Ambiente kommt schnell das passende Feeling auf, begleitet von der Erkenntnis, als Fahrer dem natürlichen Instinkt des Verkehrsteilnehmers zuwider handeln zu müssen. Das hier ist nichts für Feiglinge. Respekt ist angeraten.
Um Gefühl für das Auto zu entwickeln, geht es zunächst auf die Dynamikstrecke. Der mittlere Bereich des Rings bietet einen mit roten Pylonen markierten Slalomkurs und eine freie Fläche zum Driften. Wer ein Hütchen umfährt, stellt es wieder auf, für eine umgefahrene Fahne kassiert der Veranstalter ab. Ich habe Glück und lasse alles stehen – anders als so mancher Fahrer, der beherzter unterwegs ist.
„Schau immer dahin, wo du hinfahren willst“, sagt Pimi – eine Weisheit, die mir vor Jahrzehnten in ähnlicher Form schon mein Fahrlehrer eintrichterte. Fest fixiere ich also die Stelle neben dem ersten Doppel-Pylon. Das Auto bleibt unter Kontrolle, auch beim Beschleunigen. Mit jeder Durchfahrt traue ich mir mehr zu, absolviere den Slalomkurs immer wieder und mit zunehmendem Tempo. Nach 20 Minuten verlässt mich die Konzentration. Den Lancia zu bewegen, ist ein anstrengendes Workout, mental und körperlich. Meine Belohnung: ein euphorisches Gefühl und anerkennendes Lob vom Profi: „Das hast du souverän gemacht.“

 

Auf der Ralleystrecke

Den nächsten Schwierigkeitsgrad bietet der nachmittags vollständig im Schatten liegende Handlingkurs. Die Oberfläche besteht inzwischen nur noch aus Eis. Hier sind viele andere Fahrer mit ihren Autos unterwegs. Alle routinierter als ich. Obwohl ich mein Bestes gebe, beschleicht mich dennoch das ungute Gefühl, ein Verkehrshindernis darzustellen.
Nur äußerlich cool behalte ich stets die Fahnen in der nächsten Kurve im Blick, ignoriere Hindernisse am Streckenrand wie eine alte Feldscheune oder liegen gebliebene „Kontrahenten“. Das Auto rutscht weg, droht unkontrolliert abzudriften. Mein erster Impuls: bremsen! Der rechte Fuß bewegt sich intuitiv in Richtung Bremspedal. Das ist die falsche Reaktion, weiß der erfahrene Rallyefahrer. „Gas, Gas“, instruiert mich Pimi ruhig, aber eindringlich. Eine Ansage, die mir den nötigen Mut vermittelt – und schließlich ein Erfolgserlebnis beschert.
Doch schon in einer der nächsten Kurve läuft es nicht wie geplant. Der Wagen dreht sich, kommt neben der Strecke zum Stehen. Dank Allradantrieb sind wir nicht auf Hilfe angewiesen und es geht zurück auf den Kurs.

Das Fazit
Alles in allem war das Winterdriften ein einmaliges Erlebnis bei perfektem Winterwetter, ein Tag wie gemacht für Autofreaks. Wie schnell ich beim Kurvendrift unterwegs war? Bis 40 km/h im zweiten Gang, etwa halb so schnell im ersten. Insgesamt jedenfalls nicht einmal mit  halbem Tempo des Profis.
Auf dem Kurs schaltete ich schon mal in den zweiten Gang und konnte damit Pimis trockenen Eingangskommentar „Den Zweiten werden wir nicht brauchen“ entkräften, nachdem ich schon beim Anfahren auf dem Parkplatz den Motor abgewürgt hatte. Für den gekonnten Einsatz der Handbremse aber werden noch weitere Trainings fällig sein.

Das Auto
Den Lancia Delta Integrale, Baujahr 1991, erwarb Stefan Pimiskern als „desolates Ralleyauto“, um es zu reanimieren. „Motor und Getriebe sind neu, mit den entsprechenden Modifikationen“, erklärt der Spezialist für die Marken Lancia und Alfa Romeo. Die Optik passte er dem Original-Rallyedesign von 1992 an.

Der Fahrer
Stefan Pimiskern fährt seit 30 Jahren Renn- und Motorsport, auch Rallye-Rundstrecke. In seiner Werkstatt (pimifarina.de) in Moorenweis restauriert er Alfa Romeo und Lancia für den Wiederverkauf und repariert Pkw markenunabhängig.